30.08. Tom Ludwig

Endlich alles wieder normal

Liebe Leser, wann ist Corona endlich vorbei? Wann ist endlich alles wieder normal? Viele wünschen sich, dass alles wieder wie vorher ist. Und natürlich ist das verständlich nach anderthalb Jahren Corona. Keine Masken mehr aufsetzen müssen, keinen Abstand halten, wieder Hände schütteln, nichts desinfizieren, alle Veranstaltungen und Aktivitäten und Hobbies einfach wieder machen dürfen usw. Geht’s euch auch so?

Ich kann das gut verstehen und vieles wünsche ich mir auch zurück, aber ich möchte auch nicht einfach so zum alten Leben zurückkehren. Ich finde, wir sollten aus dieser ganzen Situation lernen und darüber nachdenken, was wir in Zukunft besser machen könnten. Manchmal fühlt es sich für mich so ähnlich an wie das Gefühl: „Früher war alles besser.“ Aber wenn wir ehrlich sind und ernsthaft darüber nachdenken, müssen wir oft zugeben, dass das nicht stimmt, dass das am Ende nur ein Gefühl ist, ja ein Wunsch, weil wir mit der momentanen Situation nicht zufrieden sind. Und so sehe ich das an vielen Stellen auch jetzt. Natürlich war es besser, keine Masken tragen und keinen Abstand halten und keine Kontaktbeschränkungen haben zu müssen. Und natürlich ist es auch besser, wenn die Intensivstationen nicht überfüllt sind und keine Menschen an irgendeinem Virus sterben.

Das meine ich nicht. Ich meine das Miteinander unter uns. Vieles ging in den letzten Monaten nicht, aber war das vor Corona wirklich besser? Wurden da die Alten regelmäßig in ihren Pflegeheimen besucht? Waren Familienfeiern immer richtig schön, wo sich alle gefreut haben, sich zu sehen und war die Stimmung gut? War das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in Ordnung? Waren die Ehepaare glücklich miteinander? Waren die Gartenpartys mit den Nachbarn so toll? War das Miteinander unter den Kollegen in den Firmen von Respekt und Achtung geprägt? War die Gemeinschaft in unseren Kirchgemeinden von Nächstenliebe bestimmt? War unser Verhältnis zu Gott in Ordnung? Wollen wir wirklich zurück zum Alltag? Soll alles wieder werden wie vorher?

Ich finde, wir sollten die Pandemie dafür nutzen, über unser Leben nachzudenken und darüber, wie die Beziehung zu den Menschen war und ist, mit denen wir Umgang haben. Wir sollten darüber nachdenken, was vorher nicht so gut war und wie wir es in Zukunft besser machen können. Ich denke, dass viele Konflikte und Unstimmigkeiten nicht wegen Corona entstanden sind, sie sind nur durch Corona mehr ans Licht getreten. Sie waren auch vorher schon da. Natürlich sind durch die Pandemie auch Probleme entstanden, die es vorher nicht gab, das will ich nicht abstreiten. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, alles was nicht gut läuft, auf Corona zu schieben. Umstände können uns hart treffen, das ist keine Frage, aber wie wir miteinander umgehen, was wir aus unserem Leben machen, das liegt nicht an den Umständen, sondern an uns selbst. Nächstenliebe, gegenseitige Rücksichtnahmen, Achtung, Respekt, Toleranz, füreinander da sein, sich gegenseitig unterstützen usw., das alles geht immer und überall, egal mit welchen Umständen wir es zu tun haben.

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Matthäus 25,40b

Das ist der Wochenspruch für diese Woche. Jesus will uns damit aufrütteln, einander gutes zu tun und damit auch Gott gutes zu tun. Und diese Aufgabe, diese Lebenseinstellung ist völlig unabhängig von Umständen und Lebenssituationen. Sie gilt mit Pandemien und ohne Pandemien. Sie gilt in Deutschland und außerhalb Deutschlands. Sie gilt für Kranke und Gesunde. Sie gilt für Junge und Alte. Sie gilt gestern, heute und morgen. Darüber sollten wir nachdenken, um Vergebung bitten, wenn es uns nicht so gut gelungen ist, und es in Zukunft besser machen. Gott helfe uns dabei.

Ohren gabst du mir (Paul Ernst Ruppel)