12.04. Tom Ludwig

Zeitgeist kontra Glaube?

Liebe Leser, am 28. März 1819 stand folgender Artikel in der Kölnischen Zeitung:

Die Einführung der Gas-Straßenbeleuchtung ist aus theologischen Gründen abzulehnen, weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Nach dieser ist die Nacht zur Finsternis eingesetzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht zum Tage verkehren wollen.

Die Kirche bzw. die Christen standen schon zu allen Zeiten dem Fortschritt oft feindlich gegenüber. Das ging teilweise sogar so weit, dass sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse leugneten, Wissenschaftlern, wie z.B. Galileo Galilei, den Prozess machten und sie zwangen, ihre Thesen zu widerrufen, oder sie sogar als Ketzer verbrannten.

Und auch heute noch tun sich viele Christen schwer, sich dem sogenannten Zeitgeist anzupassen, weil sie der Meinung sind, dass dieser etwas Böses und nicht von Gott gewollt ist. Ein Spruch, den man zu diesem Thema oft hört, ist: „Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist, wird beizeiten Witwe sein.“ Es gibt religiöse Gruppen, wie z.B. die Amische in den USA, die das auf die Spitze treiben und sich dem Fortschrift komplett entziehen. Sie verzichten auf Telefon, Computer, Fernsehen, Elektrizität, Autos usw. und kleiden sich traditionell wie früher. Sie glauben, das ist der Wille Gottes.

Natürlich würden die meisten Christen nie so weit gehen, denn solcher Fortschritt ist ja bequem und darauf will kaum einer verzichten, aber bei den Ansichten sieht das oft anders aus. Da höre ich öfter von Christen Klagen darüber, dass die Kirche bzw. die Gläubigen sich der Welt, also dem Zeitgeist, zu sehr angepasst haben. Und sie sind der Meinung, dass wir zurück zu biblischen Idealen und Wertvorstellungen gehen sollten. Wie seht ihr das?

Meine Überzeugung ist, dass wir differenzieren müssen. Es gibt zweifellos Dinge, die haben sich zum Negativen entwickelt und da sollten wir uns auf biblische Werte zurückbesinnen. Wenn der Zeitgeist den Egoismus verbreitet und es „in“ ist, dass jeder nur an sich selbst denkt und nur auf sein Glück bedacht ist, dann müssen wir Christen uns dagegenstellen und auf die Nächstenliebe hinweisen, die in der Bibel eine zentrale Rolle spielt.

Wenn es „in“ ist, bestimmte Markenklamotten zu tragen oder einem bestimmten Schönheitsideal zu folgen und dadurch Menschen ausgeschlossen oder diskriminiert werden und sie sich deshalb minderwertig fühlen, dann müssen wir uns dagegenstellen und ihnen Gottes bedingungslose Liebe nahebringen und ihnen sagen, dass sie in Gottes Augen unendlich wertvoll sind, völlig egal, wie sie aussehen, wo sie herkommen, welche Hautfarbe sie haben oder wie reich sie sind.

Aber wenn der Zeitgeist Gutes bringt, dann ist es richtig, ihm zu folgen. Was ist denn gegen wissenschaftliche Erkenntnisse einzuwenden, wenn sie uns helfen, Zusammenhänge zu erkennen und Gottes Schöpfung besser zu verstehen? Oder es ist doch etwas Gutes, wenn der Fortschrift Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau hervorgebracht hat oder wenn die Sklaverei abgeschafft wurde oder wenn Menschenrechte in vielen Ländern der Welt die Grundlage der Gesetzgebung sind oder Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Demokratie usw. Oder denken wir an die Medizin, wie viel Gutes hat uns der Fortschritt in diesem Bereich gebracht. Das alles sind moderne Errungenschaften, die dem christlichen Glauben nicht widersprechen, im Gegenteil, die sogar im Sinne Gottes sind. Und deshalb bin ich persönlich weder ein Freund davon, den Zeitgeist zu verteufeln, noch mich jedem Neuen zu öffnen. Ich halte es lieber mit dem weisen Spruch aus 1.Thessalonicher 5,21:

Prüft aber alles und das Gute behaltet.

Vorüber ziehn die Wolken

Text: A. Meneikis, Melodie: unbekannt