07.06. Tom Ludwig

Gnade ist ungerecht.

Liebe Leser, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Gnade und Gerechtigkeit? Ich habe das mal in einem Diagramm dargestellt. Gerechtigkeit ist, wenn jeder das bekommt, was er verdient. Am Beispiel eines Arbeiters wäre das also, wenn jeder den Lohn für seine Arbeit bekommt, der ihm zusteht.

Der durchschnittliche Netto-Stundenlohn liegt in Deutschland aktuell bei 18,50 Euro. Das sind also bei einer 40-Stunden-Woche 740 Euro pro Woche und ca. 3000 Euro pro Monat. Jetzt könnt ihr bei der Gelegenheit gleich mal sehen, wo ihr so liegt. Spätestens jetzt kommt sicher bei ganz vielen der Gedanke nach Gerechtigkeit auf. Habe ich recht? Und da liegt Deutschland weltweit nur auf Platz 18. Es gibt einige Länder, die liegen im Einkommensvergleich noch weit darüber. Aber die meisten Länder dieser Erde liegen darunter. Ganz am Ende steht der Südsudan mit einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 35 Euro.

Ist das gerecht? Sollte nicht jeder Mensch auf dieser Welt das für seine Arbeit bekommen, was ihm zusteht? Aber was steht ihm zu? Wer entscheidet das? Welche Arbeit ist wertvoller und welche unwichtiger? Ist eine Stunde saubermachen weniger wert als eine Stunde Fußball spielen? Ist eine Stunde Pizza austragen weniger wert als eine Stunde im Bundestag eine Rede halten? Ist eine Stunde auf dem Gerüst stehen weniger wert als eine Stunde im Büro vor dem Computer sitzen?

Was ist Gerechtigkeit? Gehen wir mit unseren Gedanken weg von Geld und Arbeit und kommen wir mal auf das Leben im Allgemeinen. Und was ist Gerechtigkeit im geistlichen Sinne? Was habe ich für mein Tun bzw. Nichttun verdient? Schreien wir nicht alle nach Gerechtigkeit, dass jeder das bekommen soll, was er verdient hat? Für gute Taten wollen wir belohnt und für schlechte sollen wir bestraft werden.

Der biblische Ausspruch von Gerechtigkeit heißt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Wünschen wir uns das? Wenn jemand einen Mord begangen hat, soll er dafür sterben. Wenn jemand etwas gestohlen hat, soll ihm das gleiche auch weggenommen werden. Hat jemand gelogen, soll er belogen werden. Hat jemand seinen Partner betrogen, soll ihm das gleiche geschehen. Behandeln Eltern ihre Kinder schlecht, sollen die Kinder auch ihre Eltern schlecht behandeln usw. Ist das Gerechtigkeit? Wollen wir das?

Mal davon abgesehen, dass diese Handlungsweise sehr schwer in der Praxis umzusetzen wäre. (Was müsste z.B. mit einem Vergewaltiger geschehen? Soll der auch vergewaltig werden? Um nur ein Beispiel zu nennen.) Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir zugeben, es wäre eine sehr harte Welt. Gerechtigkeit ist knallhart.

Und jetzt kommen wir auf die Gnade. Wenn wir es so sehen wollen, dann stimmt die Aussage: Gnade ist ungerecht. Denn sie hebt dieses Prinzip auf, dass jeder das bekommt, was er verdient hat. Gnade ist ein Geschenk. Sie gibt uns mehr, als wir verdient haben, aber im positiven Sinne. Jesus erzählt dazu ein sehr interessantes Gleichnis (Mt 20,1-16):

Am Ende wird es in Gottes himmlischem Reich so sein wie bei einem Grundbesitzer, der frühmorgens in die Stadt ging und Arbeiter für seinen Weinberg anwarb. Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn und schickte sie in seinen Weinberg. Gegen neun Uhr morgens ging er wieder zum Marktplatz und sah dort noch einige Leute stehen, die keine Arbeit hatten. ›Geht auch ihr in meinen Weinberg‹, sagte er zu ihnen. ›Ich werde euch angemessen dafür bezahlen.‹ Und so taten sie es. Zur Mittagszeit und gegen drei Uhr nachmittags machte sich der Mann erneut auf den Weg und stellte weitere Arbeiter ein. Als er schließlich um fünf Uhr ein letztes Mal zum Marktplatz kam, fand er dort immer noch ein paar Leute, die nichts zu tun hatten. Er fragte sie: ›Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?‹ ›Uns wollte niemand haben‹, antworteten sie. ›Geht doch und helft auch noch in meinem Weinberg mit!‹, forderte er sie auf. Am Abend beauftragte der Besitzer des Weinbergs seinen Verwalter: ›Ruf die Arbeiter zusammen und zahl ihnen den Lohn aus! Fang bei den letzten an und hör bei den ersten auf!‹ Zuerst kamen also diejenigen, die gegen fünf Uhr eingestellt worden waren, und jeder von ihnen erhielt den vollen Tageslohn. Dann traten die vor, die schon früher mit der Arbeit begonnen hatten. Sie meinten, sie würden nun mehr bekommen, aber auch sie erhielten alle nur den vereinbarten Tageslohn. Da beschwerten sie sich beim Grundbesitzer: ›Die Leute, die du zuletzt eingestellt hast, haben nur eine Stunde gearbeitet, und du zahlst ihnen dasselbe wie uns. Dabei haben wir uns den ganzen Tag in der brennenden Sonne abgerackert!‹ ›Mein Freund‹, entgegnete der Grundbesitzer einem von ihnen, ›ich tue dir doch kein Unrecht! Haben wir uns nicht auf diesen Betrag geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will nun einmal auch dem Letzten genauso viel geben wie dir. Darf ich mit meinem Besitz denn nicht machen, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich so großzügig bin?‹ Ebenso wird es einmal bei Gott sein: Dann werden die Letzten die Ersten sein, und die Ersten die Letzten.«

Ja, es ist ungerecht, weil nicht jeder das bekommt, was er verdient. Und deshalb regen sich auch die auf, die scheinbar ungerecht behandelt werden. Aber (und jetzt kommt das Entscheidende) es wird hier niemand benachteiligt, sondern es werden nur einige bevorzugt. Das ist ein entscheidender Unterschied. Gnade heißt nicht, dass jemand weniger bekommt, als er verdient hat, sondern dass wir alle mehr bekommen, als wir verdienen. Wenn wir das begriffen haben, dann werden wir uns nie wieder darüber aufregen, dass jemand zu gnädig behandelt wird. Wir alle haben Gnade nötig, weil wir alle Fehler machen. Gott sei Dank haben wir einen gnädigen Gott, der uns nicht so behandelt, wie wir es verdient haben, sondern der uns aus Liebe vergibt und uns ewiges Leben schenkt.

Gnade für die Welt (T: Jan Vering, M: Siegfried Fietz)