04.10. Tom Ludwig

Toleranz ist die Nächstenliebe der Intelligenz

Liebe Leser, dieser Ausspruch stammt vom französischen Schriftsteller Jules Lemaître. Stimmt ihr dem zu? Es wird in der heutigen Zeit sehr viel über Toleranz diskutiert. Wie weit darf Toleranz gehen und wo liegen die Grenzen? Was bedeutet überhaupt tolerant zu sein? Oft wird Toleranz mit Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit gleichgesetzt. Aber ist das damit gemeint? Dürfen wir Christen tolerant sein oder widerspricht das dem Absolutheitsanspruch des Christentums? Hat nicht Jesus selbst gesagt:

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6)

Wie viele Glaubenskriege, Spaltungen, Streitereien und Zwangsmissionierungen sind durch diesen Absolutheitsanspruch des Christentums hervorgegangen? Und auch heute noch gibt es viele Christen, die meinen, sie müssen ihre Ansichten anderen aufdrängen. Und so kommt es immer wieder zu harten Auseinandersetzungen wegen Homosexualität, Abtreibung, Sex vor der Ehe, Ehescheidung, Rolle der Frau, Schöpfung oder Evolution, Bibelverständnis, Umgang mit anderen Religionen, Coronamaßnahmen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wer regelmäßig meine Andachten liest, der wird sicher schon festgestellt haben, dass ich sehr oft die Frage stelle: Was sagt Jesus dazu? Und wenn Jesus sagt: „Ich bin der Weg …“, dann bedeutet das für mich, dass wir uns genau diese Frage immer stellen sollten: Was sagt Jesus dazu? Zum heutigen Thema will ich die Frage gerne so stellen: Ist Jesus tolerant?

Das Wort „Toleranz“ kann man mit „Duldsamkeit“ übersetzen. Von der eigentlichen Bedeutung her hat es also nichts mit Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit zu tun. Es heißt eben nicht, dass mir alles egal ist oder dass ich keine Meinung habe, sondern es bedeutet, dass ich geduldig bin mit der Meinung anderer und versuche sie zu verstehen. Und in Sachen Duldsamkeit war Jesus das Vorbild schlechthin. Er hat alles, was man ihm angetan hat, mit großer Geduld ertragen. Und hat sogar im Todeskampf noch für seine Feinde gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ (Lukas 23,34). Und hat er nicht das Gleiche auch von uns verlangt, wenn er sagt, dass wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern Ungerechtigkeiten, die man uns antut, geduldig ertragen sollen (Matthäus 5,38-42)?

Und war Jesus nicht auch selbst mit anderen sehr tolerant, wie z.B. mit der Samariterin (Johannes 4) oder Zachäus (Lukas 19) oder mit vielen anderen Sündern? Nein, Jesus war nie gleichgültig oder beliebig. Ihm war es nicht egal, wie es Menschen geht oder wie sie sind oder was sie tun. Er wollte immer das Beste für sie, aber er hat sie auch nie verurteilt. Und er sagt auch immer wieder, dass wir niemanden verurteilen sollen (Matthäus 7).

Und wie geht Jesus mit Menschen um, die einen anderen oder gar keinen Glauben haben? So wie ich Jesus verstehe, geht es ihm nicht in erster Linie um den theoretischen Glauben, sondern darum, was wir tun, also welche Auswirkungen unser Glaube hat. Er sagt (Matthäus 7,21): „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! In das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“ Oder im Gleichnis vom Weltgericht (Matthäus 25) macht Jesus deutlich, dass es auf die praktische Nächstenliebe ankommt und nicht auf das, was man theoretisch glaubt. Ich würde behaupten: Es gibt Muslime oder Buddhisten oder Atheisten, die ein gottgefälligeres Leben führen als manche Christen. Deshalb sollten wir sehr vorsichtig sein im Umgang mit Andersgläubigen.

Aber Jesus konnte auch sehr intolerant sein, nämlich wenn es darum ging, dass durch das Verhalten von Menschen andere zu Schaden kamen oder verurteilt oder ausgegrenzt wurden. Mit den Schriftgelehrten und Pharisäern ist er deshalb oft sehr hart umgegangen.

Nach all diesen Gedanken zum Thema Toleranz sind mir folgende Punkte wichtig geworden:

  1. Ich möchte gerne mit meinen eigenen Schwächen und Fehlern intolerant umgehen, weil ich ein Leben lang daran arbeiten will, ein besserer Mensch zu werden.
  2. Aber mit den Fehlern und Schwächen anderer (bzw. was ich für Fehler und Schwächen halte) möchte ich gerne tolerant umgehen, weil es mir nicht zusteht, andere zu be- bzw. verurteilen.
  3. Wenn mein eigenes oder das Verhalten anderer verursacht, dass Menschen leiden, zu Schaden kommen, ausgegrenzt oder intolerant behandelt werden, dann möchte ich mich gerne für sie einsetzen. Hier liegt für mich die Grenze der Toleranz.

Gott schenke uns Kraft und Weisheit, das richtige Verhältnis zwischen Toleranz und Intoleranz zu finden und danach zu leben.

Neue Brücken (T. + M.: Hartmut Engler / Ingo Reidl)